Soziale Nachhaltigkeit gestalten

Der Umgang mit der Umwelt hängt von den Verhältnissen innerhalb des sozialen Systems ab. Wenn Menschen konkurrieren statt kooperieren, dann ist ihr Naturverbrauch deutlich höher. Wie bringen wir also die Menschen zur Kooperation, obwohl sie zum Wettbewerb erzogen worden sind? Für die Überwindung der Klimakrise reicht das Elektroauto nicht aus: Es braucht eine Veränderung der sozialen und kulturellen Verhältnisse. Das ist der Ansatz, der in diesem Vortrag behandelt wird. Er wurde am 11. November 2021 in der Hochschule Luzern – Design & Kunst gehalten.

Zuerst werde ich erklären, was ich unter Nachhaltigkeit verstehe. Zweitens zeichnen sich die gesellschaftlichen Verhältnisse durch soziale Ungleichheit aus – und soziale Ungleichheit ist nicht nachhaltig. Deshalb kann es keine Nachhaltigkeit ohne soziale Gerechtigkeit geben. Im dritten Teil werde ich erläutern, was die soziale Dimension der Nachhaltigkeit ausmacht. Schließlich komme ich zum Design: Welche Rolle spielt die Gestaltung in Bezug auf Nachhaltigkeit?

 

1. Nachhaltigkeit

Wenn wir an nachhaltige Entwicklung denken, dann orientieren wir uns oft am institutionalisierten Diskurs, der im Rahmen der Vereinten Nationen geführt worden ist. Relativ bekannt sind Dokumente wie der Brundtland-Bericht von 1987, die Agenda 21, die 1992 in Rio de Janeiro beschlossen wurde, sowie die 17 Ziele der nachhaltigen Entwicklung der Vereinten Nationen. Natürlich finde ich gut, dass sich die Vereinten Nationen mit Umwelt, Klima und Gerechtigkeit auseinandersetzen. Was hat sich aber in diesen Jahrzehnten verändert? Einige Aspekte verdienen eine kritische Betrachtung.

  • Der institutionalisierte Diskurs über nachhaltige Entwicklung leidet unter einer sozialen Blindheit. Das Problem der Armut wird erkannt, aber nicht der Zusammenhang mit dem Reichtum. Wie kann man die Benachteiligung überwinden, wenn man nicht bereit ist, Privilegien infrage zu stellen?
  • In diesem Diskurs wird die Verantwortung der Verbraucher und der Bürger betont, aber nicht unbedingt jene der Unternehmen und der Regierungen.
  • Der institutionalisierte Diskurs über Nachhaltigkeit findet von oben nach unten statt. Doch eine einseitige Steuerung der Gesellschaft von oben nach unten ist eher Teil des Problems und kann deshalb nicht die Lösung sein.
  • Nachhaltigkeit ist in diesem Diskurs oft die Aufgabe eines Ressorts (z. B. Umweltministerium), während alle anderen ihr »business as usual« fortführen dürfen. Das Alltagsgeschäft wird nicht grundsätzlich infrage gestellt.
  • Auch in Bezug auf den Klimaschutz fokussiert sich die Debatte auf ein Mehr: mehr Investitionen und mehr Elektroautos. Über die Reduktion des Flugverkehrs oder des Massenkonsums wird hingegen weniger gesprochen. Warum müssen wir immer weiterwachsen, wenn wir auch umverteilen und mehr miteinander teilen können? Wie Albert Einstein schon sagte: »Probleme kann man niemals mit derselben Denkweise lösen, durch die sie entstanden sind«.

Ich verbinde Nachhaltigkeit mit zwei komplementären Definitionen:

a) Nachhaltigkeit ist einerseits eine Notwendigkeit. Weil es um die Frage des Umgangs mit Krisen geht, die uns in eine Sackgasse führen können. Aus dieser Perspektive ist Nachhaltigkeit ein Synonym von Widerstandfähigkeit und Krisenresistenz, in einem Wort von Resilienz. Resilienz ist ein Begriff, der aus der Medizin und der Psychologie kommt. Man hat nämlich festgestellt, dass Individuen ganz unterschiedlich auf die gleiche Krankheit reagieren. Was bei den einen zum Tod führt, kann bei den anderen die Abwehrmechanismen stärken. Dasselbe gilt für soziale Systeme. Was macht Länder und Gemeinden anfälliger für Krisen? Was resilienter?

Nicht nur ökologische Monokulturen sind anfällig für Krisen, sondern auch ökonomische und geistige Monokulturen. Hingegen ist Vielfalt ein Fundament der Resilienz von Ökosystemen genauso wie von sozialen Systemen. Das moderne Design ist nicht nachhaltig, weil es Ausdruck einer Monokultur ist. Bei internationalen Designmessen finden wir zum Beispiel keine Artefakte von indigenen Völkern, sondern nur westlich geprägtes Design.

b) Nachhaltigkeit ist eine Chance, weil es dabei um die Frage des guten Lebens geht. Das erste Prinzip lautet dabei: Es gibt kein gutes Leben auf Kosten anderer, künftiger Generationen inbegriffen. Das zweite Prinzip lautet: Kein gutes Leben kann fremdbestimmt sein. Nachhaltigkeit bedeutet eher Emanzipation als Verzicht. Es geht bei der Nachhaltigkeit um die Frage, wer bestimmt die gesellschaftliche Entwicklung; wer macht die Wirtschaft für wen. Was dem Gemeinwohl dient, das kann nur partizipativ definiert werden – und nicht in etwa von Investoren oder zentralen Institutionen.

Im bisher dominanten Modell der Modernisierung wird Wohlstand mit Wirtschaftswachstum und Massenkonsum gleichgesetzt. Nachhaltigkeit steht hingegen für ein multidimensionales Verständnis von Wohlstand. Neben der ökonomischen wird dabei auch die ökologische, soziale und kulturelle Dimension berücksichtigt. Nachhaltiges Design entwirft also Produkte so, dass diese vier Dimensionen berücksichtigt werden: Was macht mein Produkt mit der Umwelt? Wie wirkt sich mein Produkt auf soziale Beziehungen aus? Welche Werte drückt mein Produkt aus? Laut Europäische Kommission ergeben sich 80 Prozent der ökologischen Kosten von Produkten durch die Tatsache, dass solche Fragen in der Entwurfsphase nicht gestellt werden.

Ein wesentliches Ziel von modernem Design ist die Ankurbelung von Massenkonsum und die Erzeugung von überflüssigen Bedürfnissen. Die meisten Designer werden dafür bezahlt. Nachhaltigkeit steht hingegen für die Frage der Suffizienz: wie viel ist genug. Der Soziologe Wolfgang Sachs definierte 1993 das gute Leben durch vier Begriffe, die mit E beginnen. Es geht um Entschleunigung statt Beschleunigung; Entflechtung statt Zentralisierung und Globalisierung; Entrümpelung statt Massenkonsum; Entkommerzialisierung statt Kommerzialisierung. Gutes Leben meint also langsamer, näher, weniger, persönlicher statt schneller, globaler, mehr, kommerzieller.

In der Modernisierung geht man davon aus, dass das Neue immer besser als das Alte ist. In meiner Kindheit auf dem Land habe ich allerdings teilweise mehr Nachhaltigkeit erlebt als heute. Deshalb: keine Gestaltung ist manchmal die nachhaltigste Gestaltung, also die Dinge einfach so zu lassen. Manchmal ist das Alte nachhaltiger als jede Innovation.

 

2. Soziale Ungleichheit

Die gesellschaftlichen Verhältnisse sind nicht nachhaltig, weil sie durch soziale Ungleichheit geprägt sind. Was bedeutet soziale Ungleichheit?

  • Soziale Ungleichheit meint eine Beziehung, in der nicht nur Reichtum, sondern auch Ressourcen, Macht, Status oder Wissen ungleich verteilt werden.
  • Beziehung bedeutet, dass es keine Privilegien ohne Benachteiligung geben kann – und umgekehrt. Man kann das eine nicht ohne das andere ändern.
  • Ich spreche von Strukturen der sozialen Ungleichheit. Ein Grund ist, dass sich Formen der Ungleichheit oft überschneiden. Wer reicher ist, hat oft auch mehr politischen Einfluss. Struktur meint auch die Akteur-Netzwerk-Theorie von Bruno Latour: Zur Gesellschaft gehören nicht nur Menschen, sondern auch Dinge. Die soziale Ungleichheit betrifft auch sie: die Banken gelten als systemrelevant und werden gerettet, das Klima nicht. Schließlich ist die soziale Ungleichheit eine Struktur, weil sie die starke Tendenz zur Selbstreproduktion hat: die einen erben riesige Vermögen, ohne dafür etwas leisten zu müssen, während die anderen Armut erben.

Alle Menschen sind gleich, nämlich nackte Affen. Erst über ihre Kleidung und ihren Geschmack wird erkennbar, welchen Status sie haben und zu welcher Schicht sie gehören. Das heißt, unser Status wird erst über die Dinge sichtbar gemacht, mit denen wir uns umgeben. Pierre Bourdieu spricht von Habitus. Wenn Designer ihre Objekte entwerfen, dann drücken diese nicht nur eine Funktion aus, sondern auch einen Status. Wenn Menschen ein Produkt kaufen, dann kaufen sie nicht nur eine Funktion, sondern auch einen Status. Deshalb glauben manche, einen SUV besitzen zu müssen, obwohl man auch mit einem kleinen Auto oder mit dem Bus von A nach B fahren kann. Mit der Industrialisierung ist einerseits das Massenprodukt entstanden, und andererseits das exklusive Produkt. In gewisser Weise sind die Elite und die Masse selbst Produkt des Designs. Das Design macht die Differenz zwischen Zugehörigkeit und Ausschuss sichtbar und greifbar.

Historisch gesehen ist die Spaltung zwischen Elite und Masse eine wesentliche Ursache von gesellschaftlichem Untergang, zum Beispiel die Spaltung zwischen Patriziern und Plebejern im römischen Reich. Das ist das Ergebnis einer US-amerikanischen Studie aus dem Jahr 2014. Ein Grund dafür ist die Tatsache, dass die Elite größere Schwierigkeiten hat, sich von einem Entwicklungspfad zu trennen, der sie lange Zeit begünstigt hat und entsprechend als erfolgreich empfunden wird.

In einem Buch von 2019 habe ich einige Gründe beschrieben, warum soziale Ungleichheit nicht nachhaltig ist. Hier einige davon:

  • Externalisierungsgesellschaft und Sortiermaschine.

Die soziale Ungleichheit ermöglicht eine Internalisierung der Vorteile der Entwicklung und gleichzeitig eine Externalisierung der Kosten. Reichtum, Ressourcen und Wohlstand werden ins System internalisiert, gleichzeitig werden die Kosten (Abfall, Armut und Konflikte) in die Umwelt externalisiert. Diese Dynamik findet zwischen Technosphäre und Biosphäre, Industrieländern und Entwicklungsländern, Zentren und Peripherien, oberen und unteren Schichten sowie zwischen gegenwärtigen und künftigen Generationen statt.

Das Fazit: unser Wohlstand geht auf Kosten anderer. Was für uns Wachstum ist, ist Rezession für die anderen. Die Ordnung auf den Wohlstandsinseln wird erreicht, indem die Unordnung an anderen Stellen zunimmt. Auch das Design entwirft die Produkte so, dass viele Kosten verlagert werden.

Da das System zur Umwelt gehört, riskiert die Unordnung immer wieder das System zu treffen, aber an der Stelle bauen wir Dämme gegen den Klimawandel und Grenzen gegen die Geflüchteten. Die Grenzen wirken (so der Soziologe Steffen Mau) wie »Sortiermaschinen«. Die reichen Menschen können überall in der Welt fliegen, für sie bedeutet Globalisierung offene Grenzen. Für die ärmeren Menschen sind die Grenzen hingegen geschlossen. Die Sortiermaschinen entscheidet zwischen Inklusion und Exklusion oder Beförderung und Verweigerung. Solche Sortiermaschinen wirken sich auch innerhalb der Gesellschaft aus.

Mit den Grenzen zwischen Afrika und Europa schützen wir nicht nur den Wohlstand, sondern auch die Ursachen der Unordnung.

  • Ungleiche Wahrnehmung und Erfahrung derselben Entwicklung.

Der ökologische Fußabdruck nimmt mit dem Einkommen zu, so dass es auch für Akademiker heute relativ normal ist zu fliegen. Den reichsten zehn Prozent der Weltbevölkerung, so ein Bericht von Oxfam, ist die Hälfte der CO2-Emissionen zuzuschreiben. Aber den höheren Preis für den Klimawandel zahlen die Armen. Warum sollten die oberen Schichten auf ihre Privilegien verzichten, wenn sie mit den Kosten ihres Handelns kaum konfrontiert werden?

  • Keine Kommunikation = Derealisierungsprozesse.

Soziale Ungleichheit hemmt die Kommunikation zwischen den unterschiedlichen Gruppen und den unterschiedlichen Perspektiven. So bleiben die Eliten unter sich und verlieren den Kontakt zu bedeutenden Teilen der gesellschaftlichen Realität. Prozesse der sozialen Entmischung führen dazu, dass jeder in einer eigenen Wirklichkeit lebt. Die physische und psychische Distanz verhindert zudem das Mitgefühl für die Opfer des eigenen Handelns. Da wo es Distanz gibt, kann sich keine Empathie entwickeln.

  • Wettbewerb um Status.

Die mittelalterlichen Türme von Bologna und die Wolkenkratzer von Frankfurt symbolisieren eine Dynamik, die die ganze Gesellschaft stark prägt. Der Wettbewerb um Status findet heute an vielen Stellen statt – und zwar nicht vertikal, sondern horizontal: innerhalb der Schichten. Ein großer Teil der Wirtschaftsleistung dient einem Wettbewerb um Status – und dies auch auf Kosten der Umwelt. Diese Dynamik wird auch vom Design bedient.

  • Soziale Ungleichheit hemmt das Miteinanderteilen und erschwert die Kooperation.

Wenn Menschen nicht miteinander teilen, dann braucht jeder ein Auto. Man könnte aber auch das Auto teilen. Ungleichheit ist Ausdruck einer Kultur des Eigennutzens statt des Gemeinwohls. Solidarität bedeutet hingegen, dass keiner zurückgelassen wird, auch wenn dies der Maximierung des Eigennutzes widerspricht. Die Probleme werden privatisiert, wenn Menschen nicht kooperieren können. Dies kann auch zum Gefühl der Ohnmacht führen.

 

3. Soziale Nachhaltigkeit

Ich verbinde soziale Nachhaltigkeit zuerst mit einem Paradigmenwechsel in der deutschsprachigen Nachhaltigkeitsdebatte. Er wurde in den Jahren 2008-2010 ausgelöst: durch die Finanzkrise, durch das Scheitern der internationalen Klimaverhandlungen von 2009 in Kopenhagen sowie durch die Skandale um Großprojekte wie Stuttgart 21. Das Werk »Die Große Transformation« von Karl Polanyi wurde wieder entdeckt. Seitdem rotiert die Nachhaltigkeitsdebatte um den Begriff der Transformation und dies bringt eine starke Verschiebung hin zur sozialen Dimension mit sich.

Welche Neuigkeiten sind damit verbunden?

  • Eine große Transformation war die industrielle Revolution. Für die Nachhaltigkeit brauchen wir heute eine ähnlich umfangreiche und tiefe Transformation. In den Politikwissenschaften bedeutet Transformation »Systemwechsel«. Systemwechsel bedeutet, dass Nachhaltigkeit das Alltagsgeschäft betrifft und nicht daneben stattfindet. Entweder ist die Transformation zur Nachhaltigkeit systemisch oder sie findet nicht statt. Systemwechsel bedeutet auch systemisches Denken. Das erste Gesetz der Ökologie ist: Alles hängt mit allem zusammen, alles ist Wechselwirkung.
  • Wenn eine Regierung von oben nach unten (top-down) zur globalen Krise geführt hat, dann brauchen wir für die Nachhaltigkeit eine andere Form von Regierung. In den Politikwissenschaften ist Transformation oft ein Synonym von Demokratisierungsprozess: Der Begriff wird zum Beispiel in Bezug auf den Wandel in den osteuropäischen Ländern nach 1989 verwendet. Eine Transformation zur Nachhaltigkeit setzt eine Demokratisierung der Demokratie voraus. Die Menschen identifizieren sich viel mehr mit Prozessen, die sie mitgestalten und mitbestimmen dürfen, als mit Entscheidungen, die über ihre Köpfe hinweg getroffen werden. Demokratie hat aber eine wichtige Voraussetzung: die Augenhöhe. Eine Demokratie kann nicht ohne sozialen Ausgleich und eine gerechte Umverteilung funktionieren. Menschen partizipieren, wenn sie sich als gleichberechtigt empfinden.
  • Während die Entbettung der Wirtschaft von der Gesellschaft zur Finanzkrise geführt hat, brauchen wir für die Nachhaltigkeit eine Wiedereinbettung der Wirtschaft in die Gesellschaft. Zwischen Staat und Markt gibt es eine Alternative, nämlich Gemeingüter und Allmenden, die von der Genossenschaft ihrer Nutzer/innen selbst verwaltet werden.
  • Nachhaltig ist eine Entwicklung, die sich am menschlichen Maß orientiert – und dem entspricht das Lokale und das Regionale viel mehr als das Globale. Menschen können sich mit der eigenen Gemeinde oder Region viel stärker identifizieren. Zu menschengerechten Städten kommen wir nur durch eine menschengerechte Transformation. Dies erfordert unter anderem eine Auseinandersetzung mit den Erkenntnissen der Psychologie.
  • Wir wissen heute sehr viel über die Probleme und eigentlich auch sehr viel über die Lösungsansätze: Wir leben in der sogenannten »Wissens- und Informationsgesellschaft«. Was wir noch nicht so richtig wissen, ist wie wir von den Problemen zu den Lösungen kommen: Das ist eben die Frage der Transformation. Transformation lernt man nicht in den Büchern, sondern in der Praxis und auf den Straßen. Das System und die Kultur, die zu ändern gelten, sind ein Teil von uns – und wir ein Teil von ihnen. Man muss sich selbst ins Spiel bringen und aufs Spiel setzen. Transformation ist auch ein reflexiver und innerer Prozess. Jeder von uns hat an vielen Stellen mit Transformation zu tun – und bringt eine Erfahrung und ein Wissen mit. Dafür braucht es kollektive Räume des Austausches, um voneinander zu lernen. Wir sollten die Transformation als individuellen und kollektiven Lernprozess begreifen und gestalten. Dazu können lokale Reallabore initiiert werden, in denen Alternativen erprobt und weiterentwickelt werden, so dass alle daraus lernen können.
3.1. Faktoren der Resilienz

Nicht das Problem an sich führt die Gesellschaft zu einer Krise, sondern die Art und Weise wie Gesellschaft darauf reagiert. Dabei spielen soziale und kulturelle Faktoren eine zentrale Rolle. Einige Faktoren sind:

  • Unabhängigkeit und Beweglichkeit. Resilienz ist dort stärker, wo Systeme und Menschen beweglich sind. Abhängigkeiten machen soziale Systeme und Menschen unbeweglicher und verletzlicher. Das stellen wir gerade bei den globalisierten, hypervernetzten Märkten fest. So muss zum Beispiel die Autoindustrie in Deutschland die Produktion stoppen, weil keine Chips geliefert werden. Für die Nachhaltigkeit sollten Regionen mehr auf Selbstentwicklung und Eigenständigkeit setzen, es braucht mehr Selbstversorgung und weniger Fremdversorgung. Freie Designer können mehr zur Transformation beitragen als Designer, die durch Lohnabhängigkeit erpressbar sind.
  • Soziale Kohäsion. In einigen skandinavischen Ländern herrscht eine Kultur des Vertrauens, wobei Menschen bereiter sind, miteinander zu teilen und zu kooperieren. Sie halten stärker zusammen, wenn es zu Problemen kommt. Ausdruck einer Kultur des Miteinanderteilens ist ein starkes Gemeinwesen und öffentliche Daseinsvorsorge. Es braucht ein Design, das Menschen zusammenbringt und nicht trennt. Gemeinsam Teilen und Nutzen statt Besitzen und Parken.
  • Kulturelle Faktoren. Vielfalt und Toleranz machen Gesellschaften beweglicher und lebendiger. Länder wie Island, in denen Frauen gleichberechtig sind, sind auch resilienter.
3.2. Das Wohlbefinden der Menschen

Ich sagte am Anfang, dass Nachhaltigkeit ein multidimensionales Verständnis von Wohlstand mit sich bringt. Schauen wir uns die Studien der UNO zum Wohlbefinden der Menschen an. Die skandinavischen Länder führen die Liste an. Was ist der wichtigste Faktor des Wohlbefindens?

Die soziale Absicherung für alle ist wichtiger als die private Freiheit, Kapital zu akkumulieren und reicher zu werden. Während in deutschen Schulen die Kinder mit der besten Leistung die meiste Unterstützung bekommen, sind es in finnischen Schulen die schwächeren Kinder, die die meiste Unterstützung bekommen. Auch das ist Umverteilung. In Finnland wird Politik aus der Perspektive der schwächeren und nicht der stärkeren gemacht – und die finnischen Schulen sind die besten, an der Spitze der PISA Studien.
 

4. Welche Gestaltung?

Beim Thema Design bin ich ein Quereinsteiger, aber es sind vielleicht die Fremden, die ganz neue Impulse dorthin bringen, wo sonst der Tunnelblick herrscht. Wie würde ich Design definieren?

Gestaltung ist die Materialisierung von Kultur. Platon würde sagen, dass der Designer die Welt und die Umwelt nach dem Vorbild der Ideen formt. Das heißt, die Kultur ist der Bauplan der Gesellschaft. Wir gestalten die Welt, wie wir sie sehen. Wenn das Ergebnis der Gestaltung nicht nachhaltig ist, dann müssen wir den geistigen Bauplan dahinter hinterfragen. Wie sind Designer erzogen worden? Welches Weltbild ist mit dem modernen Design verbunden? Und wie viel hat dieses Bild mit der Wirklichkeit zu tun?

Modernes Design basiert auf einem Separationsdenken. Kultur und Natur, Geist und Materie, Individuum und Gemeinschaft, Wirtschaft und Gesellschaft oder auch Neu und Alt werden als Gegensätze betrachtet – und das hemmt ein Bewusstsein für die Zusammenhänge. Im modernen Design wird das Objekt vom Kontext getrennt. Der Philosoph Wolfgang Welsch sagt, dass wir einen Rahmendesign statt Objektdesign benötigen. Der Kontext sollte in den Entwurf einbezogen werden. Je größer die mentalen Horizonte sind, in denen wir Entscheidungen treffen, desto nachhaltiger sind sie.

Materialisierung von Kultur bedeutet auch das, was der britische Premierminister Winston Churchill 1943 sagte: »Erst formen wir unsere Gebäude, danach formen sie uns«. Menschen, die in der autogerechten, kommerziellen Stadt aufwachsen, werden schon dadurch zur Autonutzung und zum Konsum erzogen. Designobjekte erziehen auch die Menschen zu mehr oder zu weniger Nachhaltigkeit. Wie Bruno Latour sagt, Objekte sind keine passiven Wesen, sondern gestalten die Gesellschaft mit. Wir gestalten nicht passive Objekte, sondern »Aktanten« – die an sich das Verhältnis der Menschen beeinflussen. Die Produkte selbst erziehen die Menschen. Der Designer gestaltet Lebensstile und die Gesellschaft – und das ist eine große Verantwortung.

Es ist leichter Gedanken zu ändern, als materialisierte Kultur. Jede Materialisierung von Kultur führt zu einer Verkrustung der Lernfähigkeit und der Beweglichkeit der Gesellschaft. Deshalb muss man sich im nachhaltigen Design die Frage stellen, ob weiterer materieller Überfluss notwendig ist. Wie können wir die bestehende Materialität verflüssigen, so dass die Gesellschaft beweglicher und lebendiger wird? Warum nicht die bestehende Materialität umdeuten und umfunktionieren, statt neue zu schaffen?

Die größte Herausforderung der Nachhaltigkeit ist die Frage, wie wir Menschen Komplexität handhaben können, obwohl wir kognitiv und physisch begrenzte Wesen sind. Wir verwechseln Komplexität und Vielfalt mit Chaos, weil sie uns überfordern. Was tun wir? Wir reduzieren die Komplexität auf künstliche Ordnungen. Die Biodiversität wird in geometrische Häuser umgewandelt, in denen wir uns sicher fühlen.

Diese Reduktion findet nicht zufällig statt, sondern auf Basis von Kultur. Das heißt, unsere Werteinstellungen wirken sich als Filter im Prozess aus. Sie bestimmen, was schön ist und was nicht; was nützlich oder rentabler ist und was nicht. Für uns sind diese Maßstäbe ganz normal oder gar universal. Erst wenn wir unseren Kulturkreis verlassen, merken wir wie relativ unsere Art zu gestalten ist. Was kulturrelativ ist, kann auch verändert werden.

Die moderne Gestaltung führt zu einer Standardisierung der Umwelt. Selbst wenn uns alle Objekte wie eine Innovation erscheinen, diese Innovationen sind durch starke kulturelle Konstanten geprägt, die nicht infrage gestellt werden. Für die Nachhaltigkeit muss auch die Genetik des Designs hinterfragt werden: Sie wurde durch die Industrialisierung stark geprägt.

Komplexität ist nicht Chaos. Die Biodiversität und die Vielfalt der Kulturen machen Systeme resilienter und lebendiger. Deshalb brauchen wir eine Vielfalt von Gestaltungskulturen für die Nachhaltigkeit. Eine nachhaltige Monokultur ist ein Widerspruch an sich.

Was zeichnet eine transformative Gestaltung aus?
  • Eine evolutionäre Gestaltung: Statt die Umwelt nach dem Vorbild der Idee zu gestalten (Vielfalt durch Monokultur ersetzen), sollte die Idee der Umwelt und den Nischen angepasst werden.
  • Evolution ist das Gegenteil von Selbstbezogenheit. Designer gestalten meistens für Designer. Die Designer sind oft die implizite Zielgruppe des Designs. Deshalb braucht Nachhaltigkeit eine Beweglichkeit: das Studio und die Blase verlassen, um sich mit den eigentlichen Betroffenen und Nutzer/innen, mit dem Fremden und dem Unbekannten auseinanderzusetzen. Von der Komfortzone in die Lernzone gehen.
  • Modernes Design ist top-down, nachhaltiges Design ist partizipativ – und dies bedeutet eine andere Rolle des Designers, zum Beispiel als Moderator.
  • Die Gesellschaft, die als »soziale Plastik« gestaltet wird, braucht den Designer als Bürger und der Bürger als Designer (Joseph Beuys). Die nötigen Stoffe für die Transformation sind oft schon da, es braucht jedoch einen Katalysator, der sie richtig mischt.
  • Nicht die Monokultur reproduzieren, sondern für kulturelle Mutationen sorgen. Das Design kann ein Möglichkeitsraum für Alternativen sein.
  • Kreisläufe gestalten statt Wohlstand auf Kosten anderer.

Vielen Dank!

 

© Davide Brocchi, Köln – 11.11.2021

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Literatur (u. a.):

 

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