Neue Rituale für die Transformation

Jede Gemeinschaftsform benötigt eine Art »Lagerfeuer«. Schon immer gehören Rituale zum menschlichen Zusammenleben dazu. Sie bilden Strategien der Reduktion sozialer Komplexität und fördern den Zusammenhalt in der Vielfalt. Neuartige Rituale können auch einem sozial-ökologischen Wandel der Gesellschaft dienen.

Folgende Merkmale zeichnen Rituale aus, die eine Transformation zur Nachhaltigkeit aus dem Lokalen heraus fördern:

  • Sie werden selbst benannt. Menschen und Kollektive identifizieren sich vor allem mit Dingen, die mitbestimmt werden: Dies betrifft auch den Namen eines neuen Rituals. Von einem »Tag des guten Lebens« fühlen sich andere Menschen angesprochen als von einem »Tag der Nachhaltigkeit«.
  • Das Programm des Rituals wird im Voraus möglichst demokratisch und inklusiv ausgehandelt. In einem urbanen Viertel haben ältere und jüngere Menschen, Frauen und Männer, Auto- und Radfahrer*innen, Akademiker*innen und Arbeiter*innen sowie Menschen mit und ohne Behinderung unterschiedliche Vorstellungen vom guten Leben. Wie kommen sie als Nachbar*innen zu einer gemeinsamen Vision des Zusammenlebens? Demokratie will schon in einer Nachbarschaft gelernt werden und neue Rituale dienen dazu. Demokratie ist die Möglichkeit eines friedlichen Zusammenlebens in der Vielfalt. Dabei negieren sich Autonomie und Bindung, Identität und Beziehung nicht, sondern werden in Form einer »weltoffenen Gemeinschaft« neu miteinander verknüpft.
  • Der Akzent liegt auf Mitgestaltung statt auf Konsum. Bei neuen Ritualen werden die Koproduktion und die »soziale Plastik« (Joseph Beuys) geübt. Die Stadt wird nicht konsumiert, sondern mitgestaltet. So dürfen die Bewohner*innen beim Kölner und Berliner »Tag des guten Lebens« ein ganzes Quartier umwandeln und erfahren Selbstwirksamkeit. Gemeinsam sind sie Subjekte statt Objekte der Politik.
  • Private und öffentliche Räume werden zum Gemeingut. Im »Quartier als Wohngemeinschaft« braucht es »nachbarschaftliche Wohnzimmer«, die selbst eingerichtet und selbstverwaltet werden. Sie dienen gleichzeitig als Agora, auf der Demokratie jenseits der Parteiendemokratie gelebt und weiterentwickelt wird. So gehören am Kölner »Tag des guten Lebens« zwischen 15 und 30 Straßen ihren Bewohner*innen. Nur das, was partizipativ verwaltet wird, kann menschengerecht sein. Während öffentliche Räume in der Stadt für das Auto und den Kommerz funktionalisiert werden, bleibt am »Tag des guten Lebens« das Auto stehen oder wird umgeparkt, so dass Straßen und Plätze von der Gemeinschaft (Kinder inbegriffen) sinnvoller genutzt werden können.
  • Neue Rituale dienen dem Gemeinwohl und der Erdverbundenheit. Ein gutes Leben kann weder fremdbestimmt noch auf Kosten anderer sein, deshalb setzt es eine »erweiterte Agora« voraus: Darauf hat nicht nur die menschliche Vielfalt einen Platz, sondern auch die künftigen Generationen und die Natur als politisches Subjekt (Bruno Latour). Das bundesweite »Erdfest« (u. a.) fördert ein Bewusstsein für die Verbundenheit zwischen menschlichen und nichtmenschlichen Wesen.
  • Das Vertrauen ersetzt den Euro als Währung. Normalerweise wird die unentgeltliche »Schenkökonomie« (Marcel Mauss) nur in der Familie, in der Verwandtschaft und in Freundeskreisen praktiziert, das heißt, dort, wo Vertrauen herrscht. Diese Form von Ökonomie zielt nicht auf Profitmaximierung, sondern basiert auf Reziprozität und Redistribution. In der Schenkökonomie kommt nicht der »Homo oeconomicus« zum Ausdruck, sondern der »Homo solidaricus«. Entsprechend erziehen neue Rituale die Beteiligten. Sie erweitern den Kreis, in dem unentgeltliche Formen von Ökonomie praktiziert werden und das »Sozialkapital« (Robert Putnam) gestärkt wird. So darf am »Tag des guten Lebens« in der Nachbarschaft nichts verkauft und nichts gekauft werden, nur das miteinander Teilen und das Schenken sind erlaubt. Dadurch entsteht eine Atmosphäre des Vertrauens und der Großzügigkeit, die über den Tag hinaus bestehen bleibt.
  • Neue Rituale dienen als Spielwiese für selbst entworfene Alternativen. Bei neuen Ritualen können ungewohnte Praktiken gemeinsam ausprobiert und weiterentwickelt werden. Was körperlich erlebt wird, stellt eine intensivere Lernerfahrung als ein rein kognitiver Austausch dar. Am »Restaurant Day« in Wuppertal-Arrenberg werden private Wohnzimmer in ein nachbarschaftliches Restaurant umgewandelt: Darin wird das Fremde vertraut, indem man mit ihm am Esstisch interagiert. Durch neue Rituale können auch Partnerschaften zwischen urbanen Quartieren und ländlichen Gemeinden gepflegt werden, dadurch regionale Wirtschaftskreisläufe, die durch Parallelwährungen gestützt werden können.
  • Als Träger fungiert ein lokales breites, buntes Bündnis. Neue Allianzen für die »Große Transformation« brauchen selbst neue Rituale. In Köln war es die Agora Köln (ein breites Bündnis aus 130 Organisationen, Initiativen und Akteuren aus Umwelt, lokalem Gewerbe, Sozialem und Kultur), das die Kommunalinstitutionen dazu gebracht hat, dem »Tag des guten Lebens« zuzustimmen und ihn zu ermöglichen. Dadurch ist der Prototyp eines Civic-Public-Partnerships entstanden. Nur gemeinsam können soziale Bewegungen und Nachbarschaften die Rahmenbedingen ändern, so dass ein Stück gutes Leben jeden Tag möglich wird. Bündnisse sorgen nicht nur für eine Augenhöhe mit Kommunalinstitutionen und privaten Investoren, sondern dienen auch als Puffer, Vermittler und Übersetzer nach innen und nach außen. Eine vielfältige Bevölkerung lässt sich am besten durch Vielfalt ansprechen und aktivieren. Wenn es kein gutes Leben auf Kosten anderer geben kann, dann stellen Bündnisse eine Brücke zwischen lokalen Gemeinschaften und globaler Verantwortung dar.

 

© Dr. Davide Brocchi, 20.11.2022. Der Text basiert auf dem Vortrag, der am 18.11.2022 im Rahmen der Konferenz »Commons-Public-Partnerships und ihr Potenzial für dezentrale sozial-ökologische Transformationen« im IASS Potsdam gehalten wurde. 

 

Beispiele von neuen Ritualen

 

Zum Thema

 

 


Bild aus dem Film »Amarcord« von Federico Fellini (Italien, 1973). Lektorat: Annette Schwindt, Bonn.

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