Die Emanzipation der Lebendigkeit

Im ersten Gespräch mit Regina Nußbaum (Köln-InSight.TV) berichte ich über die Erfahrungen aus meiner Forschung und den Reallaboren im Bereich Nachhaltigkeit. Im zweiten Teil des Interviews erzähle ich, wie Städte und Orte resilienter werden können und warum dazu ein anderes Menschenbild notwendig ist.

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TEIL 1: Aktionsforschung, Sozialkapital, Ökonomie der Nähe

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Regina Nußbaum: Du beschäftigt dich in deinen Forschungsprojekten und Reallaboren mit der Umverteilung von gemeinsamen Gütern und der nachhaltigen Nutzung des öffentlichen Raumes. In Köln hast du den »Tag des guten Lebens« konzipiert und umgesetzt. Dabei wurden am 15. September 2013 zunächst 24 Straßen in Ehrenfeld zur Agora (Nachbarschaftsfest, mit Begegnungs- und Gestaltungs-Raum). Dieses Modell wurde auch in anderen Städten realisiert. Was ist das Besondere an deinem Forschungsansatz?

Davide Brocchi: Forschung bedeutet für mich nicht, dass ich die Bürger von oben nach unten beobachte und wie Objekte behandle, sondern dass ich mich selbst als Bürger ins Spiel bringe und als Mensch aufs Spiel setze. Meine Forschung ist meistens Aktionsforschung. Ich lebe selbst auf dieser Erde und möchte selbst einige Dinge bewegen. Ich stelle mir dabei große Fragen, zum Beispiel: Wie kann eine Transformation hin zu mehr Umweltschutz, Gerechtigkeit und Solidarität gehen? Allein durch Theorie lässt sich eine solche Frage nicht beantworten. Ich bin Sozial- und Kulturwissenschaftler, habe ich Bologna und Düsseldorf studiert, bei meiner Promotion in Hildesheim habe ich mich mit der Frage beschäftigt, wie wir von den Problemen zu den Lösungen kommen können.

Heute leben wir in einer Zeit der »multiplen Krise«: Finanzkrise, Klima-Krise, Krise der Demokratie. Nach Corona kommt nun der Krieg. Diese Krisen sind nicht voneinander losgelöst, sondern das Ergebnis einer bestimmten gesellschaftlichen Entwicklung. Wir werden die multiple Krise nicht überwinden, ohne die Strukturen infrage zu stellen, die dazu geführt haben. Eine Lösung kann es nur geben, wenn wir uns vom Problem trennen können. Egal, ob es um große oder um kleine Probleme geht, der menschliche Faktor ist entscheidend und in meiner Aktionsforschung interessiert er mich besonders. Meine Erfahrung ist, dass Emotionen und Gruppendynamiken soziale Prozesse maßgeblich prägen. Für mich wird die Transformation nicht von oben kommen, daran glaube ich nicht mehr, deshalb ist mein Ansatz aus dem Lokalen heraus, durch kollektive Selbstermächtigung im Lokalen.

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TEIL 2: Resiliente Stadt, die Stadt als Dritter Erzieher, neue Allianzen

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Regina Nußbaum: Wie können Städte und Orte resilienter werden?

Davide Brocchi: Resilienz bedeutet Widerstands- und Anpassungsfähigkeit. Resilienz ist das Gegenteil von Vulnerabilität, also Verletzlichkeit. Ein Prinzip, das aus der Psychologie und der Medizin kommt. Es gibt keinen Automatismus zwischen Diagnose und Prognose: Eine Krankheit, die manche umbringt, kann bei anderen das Abwehrsystem stärken. Was für Individuen gilt, gilt genauso für Ökosysteme und soziale Systeme. Unabhängigkeit und Souveränität macht soziale Systeme flexibler und beweglicher in Bezug auf Krisen. Städte, die fremdversorgt werden, sind sehr stark vom Erdöl abhängig, also von der Weltlage. Resilienter sind Städte, die sich regionaler versorgen. Höhere Ölpreise sind für autogerechte Städte ein größeres Problem als für menschengerechte. Quartiere, wo mehr Menschen mit dem Rad fahren, sind resilienter als Quartiere, wo mehr Auto gefahren wird.

Unabhängigkeit bedeutet auch die Möglichkeit der Selbstbestimmung und Selbstverwaltung. In der Schweiz sind die Institutionen, die den Bürgern näher stehen, nicht die schwächsten, sondern die stärksten. So haben die Menschen vor Ort mehr Möglichkeiten, selbst zu entscheiden, was für sie gut oder nicht gut ist. In Deutschland entscheidet hingegen der Bund deutlich mehr als die Kommunen. Da wo es Quartiersräte gibt, haben diese meistens nur eine konsultative Funktion.

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