Zum »Tag des guten Lebens« in Köln

Seit 2013 findet in der Domstadt einmal jährlich der »Tag des guten Lebens« statt. Ermöglicht durch eine unkonventionelle Allianz zahlreicher privater und öffentlicher Akteure dient die Initiative als transformativer Taktgeber und Katalysator in einem komplexen Prozess, der die Stadt zum Gemeingut werden lässt. Hier die Geschichte der Initiative…

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2011: Auszeichnung der Idee

Der Verfasser dieser Studie bewarb sich mit der Idee eines »Kölner Sonntags der Nachhaltigkeit« beim Ideenwettbewerb »Dialog Kölner Klimawandel«. Am 12. Dezember zeichneten das Katalyse Institut und das Haus der Architektur Köln die Idee mit dem ersten Preis im Themenbereich »Verkehr« aus. Dies motivierte den Verfasser zur Weiterentwicklung und Umsetzung der Idee.

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2012: Gründung und Aufbau des Bündnisses Agora Köln

Die Idee wurde zum Konzept ausgebaut und durch die ecosign/Akademie für Gestaltung professionell gestaltet. Dort war der Initiator als Dozent für nachhaltiges Design tätig. Danach wurde ein Mailing an eine Vielzahl von Organisationen, Einrichtungen und Initiativen verschickt: »Wenn Sie und Ihre Organisation die Idee gut finden und unterstützen wollen, bitte das angehängte Konzept unterzeichnen!«. Immer wieder wurde das Konzept in Köln vorgestellt, bei persönlichen Gesprächen wie bei öffentlichen Veranstaltungen. Am 8. September lud der Initiator die ersten 42 Unterzeichner zu einem gemeinsamen Treffen in die ecosign ein, 25 Personen nahmen daran teil. Dabei wurde das Bündnis Agora Köln gegründet und ein Beirat mit zwölf Mitgliedern als Vertretung gewählt. Zum juristischen Trägerverein wurde das Institut Cultura21 e.V., das bereits 2007 vom Initiator gegründet worden war. Die Agora Köln ließ alle Mitglieder über die Umbenennung des »Kölner Sonntags der Nachhaltigkeit« entscheiden, denn »Nachhaltigkeit« ist kein Begriff, von dem sich eine vielfältige Bevölkerung angesprochen fühlt. Die Mehrheit entschied sich für »Tag des guten Lebens«. Der Name war entstanden in Anlehnung an die Debatte über alternative Wohlstands- und Entwicklungsmodelle, die in Lateinamerika unter dem Begriff »Buen vivir« (Gutes Leben) geführt wird. Die Website http://www.tagdesgutenlebens.de wurde eingerichtet.
Die erste Förderung für den Auf- und Ausbau des Bündnisses kam von der Stiftung Umwelt und Entwicklung NRW. Höhe: 9.800 Euro.

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17.12.2012: Einstimmiger Beschluss der Bezirksvertretung Ehrenfeld

Das erste Konzept sah vor, dass die komplette Kölner Innenstadt am Tag des guten Lebens autofrei sein sollte. Die autofreien Straßen und Plätze sollten den jeweiligen Nachbarschaften als Freiraum dienen, um Alternativen zu erproben und zu erleben – zum Beispiel Entschleunigung statt Beschleunigung. Das Bündnis Agora Köln und die Nachbarschaften sollten selbst an diesem Tag die Verantwortung über das Quartier tragen.
Ein solches Konzept konnte ohne politische Zustimmung nicht realisiert werden. Im Mai 2012 wurde die Idee vor der Kölner Bezirksvertretung (BV) Innenstadt vorgestellt. Die Reaktion des Bürgermeisters: »Wir dürfen die Bürger mit solchen visionären Projekten nicht überfordern, vielleicht in einer Straße, aber nicht in einem ganzen Veedel«. Die BV lehnte die Idee ab. Stattdessen zeigte sich der Ehrenfelder Bezirksbürgermeister Josef Wirges (SPD) offen dafür. Im Dezember beschloss die Bezirksvertretung Ehrenfeld den ersten Tag des guten Lebens. Alle Parteien von die Linke bis Pro Köln stimmten dafür. Der Tag sollte am 15. September 2013 im Quartier Ehrenfeld stattfinden, wo 22.000 Menschen leben. Mit dem Beschluss wurde die Bezirksvertretung Ehrenfeld selbst Teil der Agora Köln. Sie beauftragte die Verwaltung mit der Unterstützung der Initiative. 24 Straßen sollten für einen Tag autofrei sein.

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2013: Aufbau der Nachbarschaftsstrukturen im Quartier

Die Idee Tag des guten Lebens dient als Katalysator, um demokratische Strukturen im Quartier aufzubauen, die die Stadtentwicklung stärker von unten mitbestimmen und mitgestalten. Nach dem Beschluss der Ehrenfelder Bezirksvertretung fand eine Reihe von Nachbarschaftstreffen im Quartier statt, mit bis zu 100 Teilnehmer*innen.
Zur Agora Köln gehörten inzwischen 130 Organisationen, an den Netzwerktreffen des Bündnisses nahmen bis zu 50 Personen teil. Ca. 40 Personen zählten zu den Aktiven. Das Bündnis übernahm die Koordination des Prozesses und die Gesamtorganisation des Tags des guten Lebens. Verschiedene Arbeitsgruppen bildeten sich:

  • Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
  • Finanzen und Fundraising
  • Tag des guten Lebens (Logistik/Zentralprogramm)
  • Nachbarschaftsarbeit
  • Bewegung (die Plattform Agora Köln)
  • Kampagne und Themenschwerpunkt (im ersten Jahr „nachhaltige Mobilität“).

Diese AGs bildeten gemeinsam die operative Ebene des Bündnisses und waren im Koordinationskreis (Ko-Kreis) vertreten, während die politische Vertretung beim Beirat blieb.
Als erstes gemeinsames Schwerpunktthema für die gemeinsame, stadtübergreifende Kampagne galt »nachhaltige Mobilität«. Gemeinsam hatte die Bewegung den größten autofreien Sonntag seit den 1970ern in Köln durchgesetzt. Im Rahmen eines Dialogprozesses der Bewohnerschaft mit Umwelt- und Verkehrsinitiativen wurde das Mobilitätskonzept der Agora Köln für die Stadt definiert und unter dem Titel »Verkehr des guten Lebens« veröffentlicht.
Die Agora Köln diente als Puffer und Übersetzer zwischen Verwaltung und Bürger*innen. Einerseits konfrontierte die Verwaltung die Initiative mit Vorschriften, andererseits wollten die Bürger*innen das Gefühl genießen, dass nun der Raum ihnen gehört und spontane Aktionen möglich sind.

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15.09.2013: Erster Tag des guten Lebens

Im Quartier Ehrenfeld waren an diesem Tag 24 Straßen autofrei. 3.000 Ersatzparkplätze wurden organisiert, um den öffentlichen Raum komplett autofrei zu bekommen. Die Agentur Cineblock mit Sitz in Ehrenfeld unterstützte die professionelle Umsetzung des autofreien Aspektes. Die Stadt konnte nun aus einer komplett anderen Perspektive wahrgenommen und erlebt werden. Der autofreie und kommerzfreie Freiraum diente dem guten Leben. Ca. 160 Aktionen wurden angemeldet, 110 von Straßennachbarschaften, 50 beim Zentralprogramm zum Thema nachhaltige Mobilität.
Am Tag des guten Lebens übernahmen mehr als 200 Personen kleine und große Aufgaben im Rahmen der Gesamtorganisation. Das Gesamtbudget lag bei ca. 35.000 Euro ca..
Die Initiative wurde zu einem unerwartet großen Erfolg. Polizei, Feuerwehr und Stadtverwaltung waren positiv überrascht, dass der Tag so reibungslos verlief, »obwohl« er von den Bürger*innen selbst getragen wurde. Es gab keine Proteste seitens der Autofahrer*innen. Die Bewohner*innen indessen genossen den Tag. Den Bürger*innen darf mehr zugetraut werden, als die Institutionen es sonst tun. Es lohnt sich, mehr Raum für Selbstorganisation und Selbstverwaltung zuzulassen.

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2014-2019: Institutionalisierung des Tags des guten Lebens

»Wenn die Agora Köln weiterzieht und andere Quartiere beleben möchte, dann machen wir uns nächstes Jahr den Tag des guten Lebens selbst«. Das war die Haltung der Nachbarschaft im Quartier nach der ersten Erfahrung. So wurde der Tag des guten Lebens 2014 in Ehrenfeld wiederholt. Er fand am 31. August statt.
Der Tag des guten Lebens 2015 wurde am 31. Mai 2015 im Stadtteil Sülz veranstaltet, nachdem auch die Bezirksvertretung Lindenthal einstimmig die Initiative zugestimmt hatte. Hier lebten ca. 30.000 Menschen, 36 Straßen waren autofrei, das Budget lag bei 65.000 Euro. 2017 stimmte auch die Bezirksvertretung Innenstadt der Initiative zu, der Tag des guten Lebens fand nun im Stadtteil Deutz statt, ein Jahr später im Agnesviertel. 2019 wurde ein weiterer Stadtteil im Bezirk Ehrenfeld belebt. Der nächste Tag des guten Lebens ist für 2021 im Bezirk Mülheim geplant.
Alle Tage des guten Lebens wurden durch die Stiftung Umwelt und Entwicklung NRW gefördert, ab 2019 von der Stadt Köln. Inzwischen liegt das Budget bei 80.000/100.000 Euro pro Tag des guten Lebens/Quartier. Dies liegt auch an einer Professionalisierung der Plattform.

 


Vertiefung
  • Website Agora Köln
  • Website Tag des guten Lebens Köln
  • Broschüre der Agora Köln zum ersten Tag des guten Lebens
  • Buch zum Tag des guten Lebens

 


Bild: Maren Wirths

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