Über die Transformation aus dem Lokalen heraus

Am 4. Mai 2017 wurde das Buch »Urbane Transformation. Zum guten Leben in der eigenen Stadt« vor ca. 50 Personen in der Kölner ecosign/Akademie für Gestaltung vorgestellt. Gastgeber des Abends waren die ecosign-Direktorin Karin-Simone Fuhs sowie die Vorsitzende der Urbanisten e.V. Yvonne Johannsen. Hier die ersten Passagen aus meinem Vortrag.

»Die Auszeichnung des Konzeptes ‚Kölner Sonntag der Nachhaltigkeit‘ zeigte mir 2011, dass diese Idee einen Nerv getroffen haben musste – und das hat mich motiviert, weiterzumachen. Ich bin nun selbst erstaunt, wie viel eine bloße Idee in einer relativ kurzen Zeit noch bewegen kann. Das macht Hoffnung!

Die ‚Große Transformation‘ braucht nicht unbedingt große Pläne und viel Kapital, um starten zu können. Die Geschichte des Tags des guten Lebens macht deutlich, dass die Transformation manchmal fast unabsichtlich, als Zufall beginnen kann. Es ist nicht immer der große Wurf, der Großes hervorbringt, manchmal ist etwas kleines. Jeder von uns kann mit einem kleinen Schritt eine soziale Kettenreaktion auslösen oder dazu beitragen. In gewisser Weise hat sich die Chaos-Theorie auch bei diesem Projekt bestätigt.

Und nun zum Buch… Der Titel ist ‚Urbane Transformation‘, die Transformation der Stadt… Was ist hier mit ‚Transformation‘ gemeint?
Ich beschäftige mich seit ein paar Jahrzehnten mit Nachhaltigkeit. Eigentlich wissen wir heute sehr viel über die Probleme und mindestens genauso viel über die Lösungsansätze, die hier und da schon längst erfolgreich praktiziert werden. Worüber wir noch sehr wenig wissen, ist wie wir von den Problemen zu den Lösungen kommen – und das ist eben die Frage der Transformation. Diese Frage ist in den letzten Jahren in den Mittelpunkt der Nachhaltigkeitsdebatte gerückt. Die Tatsache, dass unsere Gesellschaft bei den wesentlichen Indikatoren weiter in die falsche Richtung zusteuert, ist der größte Beweis, dass uns an Transformationswissen fehlt. Dieses Buch will einen kleinen Beitrag liefern, um diese Lücke zu schließen.

Transformation meint nicht einzelne Korrekturen oder neue Managementaufgaben, gerade im Fall der Nachhaltigkeit geht es um einen radikalen Systemwechsel. Die Frage ist nicht, ob wir diesen radikalen Wandel wollen, denn er wird sowieso stattfinden, wir sind wahrscheinlich schon Mittendrin. Die einzige Frage ist, wie er stattfinden wird: by Design or by Disaster. Nur ein Beispiel, werden wir die CO2-Emissionen bis 2050 um 80-90 Prozent reduzieren können (das fordert die Wissenschaftsgemeinschaft von den Industrieländern, um unter den 2 Grad Erderwärmung zu bleiben) – oder werden wir weiter wie bisher machen und einfach auf die Klimakatastrophe reagieren?

Natürlich bevorzugt das Buch die erste Option: Eine Transformation, die von uns selbst gestaltet wird, um katastrophale und autoritäre Entwicklungen zu vermeiden.

  • Für diesen Wandel gibt es keine Patentrezepte.
  • Deshalb müssen wir ihn als Lernprozess verstehen, der durch ‚urbane Realexperimente‘ und durch ‚urbane Reallabore‘ vorangetrieben werden kann. Man muss die Transformation im realen Kontext erproben, zum Beispiel in den Quartieren, um zu wissen, wie sie gehen kann. Man kann auch aus dem Scheitern viel lernen.
  • Die wichtigste Erkenntnisquelle für die Transformation ist die Praxis. Transformation lernt man nicht, indem man in der Universität sitzt und Literaturrecherche übt. Man muss in die Realität gehen, sich einmischen, sich selbst ins Spiel bringen, selbst bewegen. Es ist nicht ein passiver teilnehmender Beobachter, der dieses Buch geschrieben hat, sondern ein aktiver ‚Co-Designer‘.

Im Buch habe ich versucht, ein urbanes Realexperiment wie der Tag des guten Lebens als Lernprozess zu reflektieren und Erkenntnisse festzuhalten, um sie verfügbar zu machen. 16 Experten aus Politik, Stadtverwaltung, Agora Köln und Bewohnerschaft wurden für das Buch interviewt und werden ausführlich zitiert.

Was hat mich damals, 2011, zur Initiative bewegt?

Zuerst die Finanzkrise von 2007/2008. Sie war ein einschneidendes Ereignis. Damit ist der Glaube an die Zukunftsfähigkeit der neoliberalen Globalisierung und unseres Lebensmodells verloren gegangen. Das Interesse für Alternativen ist gestiegen. Die Finanzkrise ist das Ergebnis und das Symbol einer breiten Vertrauenskrise in unserer Gesellschaft.
Wir befinden uns heute in einer ähnlichen Phase, wie jene, die die große Finanzkrise von 1929 folgte – und diese Ähnlichkeit ist natürlich besorgniserregend. Die steigende soziale Ungleichheit führt zu einer Spaltung der Weltgesellschaft. Polarisierungen und Konflikte nehmen zu, sowie autoritäre Entwicklungen, Fremdenhass… Mauern werden errichtet, Priorität haben in der Politik die Sicherheit und die Verteidigung.
Was ist die Alternative? Dass wir Vertrauen an der Basis der Gesellschaft wieder aufbauen, um jene Kooperationen möglich zu machen, die eine starke Demokratie, soziale Bewegungen und die Veränderung der Rahmenbedingungen voraussetzen. Wo und wie entsteht Vertrauen? Vertrauen entsteht dort, wo Menschen persönlich miteinander interagieren. Im Lokalen, dort wo sich Menschen im Alltag physisch begegnen und begegnen können. Das Fundament einer nachhaltigen Demokratie und Ökonomie ist Vertrauen, deshalb müssen Demokratie und Markt heute im Lokalen neu gegründet werden. Die virtuellen ’social communities‘ reichen als Raum der sozialen Interaktion nicht aus, sie können realphysische Räume der sozialen Interaktion nicht ersetzen.

Welche sind die Vorteile eines Handelns im Lokalen bzw. im Quartier?

  • Die räumliche Überschaubarkeit wird dem ‚menschlichem Maß‘ gerecht, anders als die Globalisierung. Während die meisten Menschen die Welt oder den Staat als ‚weit weg‘ empfinden, ermöglicht die räumliche Nähe eine Sinnlichkeit bei Beziehungen und Erfahrungen, dadurch eine höhere emotionale Identifikation mit der eigenen Stadt oder mit dem eigenen Stadtteil. Und ’nur wer emotional motiviert ist, kann wirklich etwas verändern‘ (Harry Tiddens).
  • Der Bürger ist auf übergeordneten Raumebenen auf ‚Fachexperten‘ angewiesen, im Lokalen ist er jedoch selbst der Experte.
  • Die räumliche Nähe erleichtert die soziale Interaktion – und dadurch das kollektive Handeln, zum Beispiel die Bildung von Kooperationsringen und Bürgerinitiativen.
  • Ergebnisse des Handelns sind unmittelbar erfahrbar.
  • Die ‚Ökonomie der kurzen Wege‘, bei der sich Produzenten und Konsumenten oder Kreditgeber und Kreditnehmer persönlich kennen und Vertrauen aufbauen können.

Ein weiteres Ereignis, das mich zur Initiative bewegt hat, war das Scheitern der Klimaschutzverhandlungen in Kopenhagen 2009. Auch mit dem Agenda 21-Prozess oder mit den Millenniumszielen sind wir nicht wirklich weit gekommen. Die Top-down-Strategien der Nachhaltigkeit bringen uns nicht wirklich weiter, auf jeden Fall nicht allein. Der Tag des guten Lebens will Katalysator in einer Transformation sein, die unten, im Lokalen, beginnt und von unten nach oben, von Lokalem zum Globalen  vorangetrieben wird. Die Transformation kann vor jeder Haustür beginnen. Es ist eine Strategie der Selbstermächtigung der Bürger/innen….«

 


Meine Veröffentlichungen zum Thema:

 

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Foto: Manfred Kreische

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